the Female Gaze
Was wollen Frauen* sehen?
Vorneweg: wir möchten nicht mit einem Abgrenzung beginnen. Die meisten Auseinandersetzung zum female gaze beginnen mit einer Erklärung zum male gaze. Wir sind davon überzeugt, dass es diesen Bezug nicht mehr braucht. Auch wenn die Voraussetzung formaler Gleichberechtigung in der Schweiz weitgehend hergestellt ist, ist der weibliche Blickwinkel nicht immer willkommen. Unter dem Schlagwort female backlash werden Narrative, Blickwinkel und Praktiken von den einen mit Wohlwollen, von anderen als für Widerstand ihrer patriarchalen Rechte betrachtet.
Der female gaze ist die Antwort auf genau diese Schieflage. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – er ist keine simple Umkehrung. Es geht nicht darum, jetzt Männer zu Objekten zu machen und Frauen die Kamera in die Hand zu drücken. Es geht um eine grundsätzlich andere Art zu schauen.
Drei Ebenen, auf denen sich der Blick verändert
Die Regisseurin und Autorin Jill Soloway hat das 2016 in einem viel zitierten Vortrag auf den Punkt gebracht und den female gaze in drei Dimensionen aufgeschlüsselt:
Erstens die Kamera hinter der Kamera – eine "feeling camera", die nicht besitzt, sondern fühlt. Sie nähert sich Körpern nicht, um sie zu inventarisieren, sondern um eine Erfahrung spürbar zu machen: Wie fühlt es sich an, in diesem Körper zu sein, statt ihn nur anzusehen?
Zweitens die Ebene der Figuren: Frauen* werden nicht als Objekt der Handlung gefilmt, sondern als Subjekte mit eigenem Bewusstsein – Figuren, die wissen, dass sie angeschaut werden, und die selbst zurückschauen.
Drittens die Ebene des Publikums: Der female gaze ist auch ein politisches Werkzeug, das Zuschauende dazu einlädt, ihren eigenen Blick zu hinterfragen – warum finden wir bestimmte Bilder normal, andere befremdlich?
Die französische Autorin Iris Brey hat diesen Gedanken in ihrem Buch Der weibliche Blick (2020) weitergeführt: Für sie ist der female gaze nicht an das Geschlecht der Person hinter der Kamera gebunden, sondern an eine Filmsprache, die Identifikation statt Objektifizierung ermöglicht – sinnlich, körperlich, aber aus der Innenperspektive der Erfahrenden heraus.
Warum das Sternchen wichtig ist
Wenn wir von Frauen* sprechen, öffnen wir den Begriff bewusst über cis Weiblichkeit hinaus – für trans, inter und nichtbinäre Perspektiven, die von Anfang an Teil der Frage sind, wessen Blick und wessen Körper als "normal" gelten. Das schliesst an eine ältere, oft übersehene Traditionslinie an: Schon 1992 beschrieb bell hooks mit dem Konzept des oppositional gaze den widerständigen Blick Schwarzer Zuschauerinnen, die sich weigerten, sich mit einer Kamera zu identifizieren, die sie gar nicht vorgesehen hatte. Female gaze ist also nie nur eine Frage des Geschlechts allein, sondern immer auch eine Frage von Macht: Wer darf schauen, wer wird angeschaut, und aus wessen Perspektive wird eine Geschichte für "normal" erklärt?
Wie sich das konkret zeigt
Am deutlichsten wird das im Kino der letzten Jahre. Céline Sciammas Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019) macht das Schauen selbst zum Thema: Zwei Frauen sehen sich gegenseitig an, ebenbürtig, ohne dass eine von beiden zum blossen Bildobjekt wird. Greta Gerwig zeigt in Lady Bird und Barbie jugendliche und erwachsene Weiblichkeit in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit – unperfekt, wütend, komisch, zärtlich. Charlotte Wells' Aftersun nähert sich Erinnerung und Körper mit einer Kamera, die eher fühlt als seziert. Was diese Filme eint, ist weniger ein bestimmter Look als eine Haltung: Körper werden gezeigt, ohne dass die Kamera sie besitzen will.
Was wollen Frauen* also sehen?
Die Antwort, die sich aus alldem ergibt, ist weniger ein Bild als eine Erlaubnis: Figuren mit eigenen Begehren statt Figuren, die begehrt werden. Körper, die etwas erleben, statt Körper, die betrachtet werden. Freundschaft, Widerspruch, Humor, Verletzlichkeit, Wut. Der female gaze wendet sich an all jene*, die die volle Bandbreite dessen, was es heisst, ein fühlendes Subjekt zu sein zu erleben.
Female gaze dreht die Betrachtung um: anstatt zur Abbildung zu werden, werden Frauen* in ihrer Lebenswelt ermächtigt. Im female gaze fragen wir: Schaut diese Kamera mit jemandem oder schaut sie auf jemanden herab?